Tastings: Wie werden Zigarren bewertet?

Bekannt sind unter anderem die Bewertungen des Magazins Cigar Aficionado. Sie sind eine Orientierung innerhalb der Branche, aber nicht die einzig mögliche Bewertungsmethode. Dabei wird in einer 100 Punkte Skala vorgegangen. Berücksichtigt werden die 4 Kategorien Gesamteindruck, Geschmack, Raucheigenschaften und Aussehen. Die genaue Gewichtung ist nicht grundsätzlich unbekannt: In einer Veröffentlichung von 2019 nennt das Magazin maximal 15 Punkte für Aussehen und Konstruktion, je 25 für Geschmack und Raucheigenschaften sowie 35 für den Gesamteindruck.
Anfangs stand die Fachwelt der Idee der Zigarrenbewertung eher skeptisch gegenüber. Jedoch dürfte gerade der praktische Nutzen einer übersichtlichen Bewertung dessen Beliebtheit erklären. So bieten sie eine gute Orientierung für Einsteiger, bei denen sich noch keine persönlichen Lieblingszigarren herauskristallisiert haben. Auch lassen sich damit die besten Zigarren für das eigene Budget finden. Selbst für Aficionados bieten sie einen guten Überblick, um bei der Vielzahl an Neuerscheinungen die besten Zigarren herausfiltern zu können. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und somit sind auch Zigarrenbewertungen immer ein wenig subjektiv. Letztendlich verhält es sich jedoch kaum anders als bei Wein oder Spirituosen: Wird eine neue Zigarre von mehreren Experten gepriesen, erhält der Aficionado mehrere positive Einschätzungen – eine Garantie für den eigenen Geschmack ist das nicht. Ob man dieser nun 94 oder 96 Punkte geben will, bleibt natürlich immer ein wenig subjektiv.
Bei der Bewertung selber ist es das Ziel, die typische Raucherfahrung der Kunden möglichst genau nachzuahmen. Um den Vorwurf einer Bevorzugung zu vermeiden, werden die Zigarren blind geraucht: Die Experten wissen also nicht, um welche Marke es sich bei der jeweiligen Zigarre handelt. Aficionados können sich als kleines Experiment selbst mal in einer Blinddegustation versuchen. So können Sie Ihren Händler des Vertrauens um zwei oder drei Zigarren im gleichen Format aber ohne Bauchbinde bitten. Eine davon ist Ihre persönliche Lieblingszigarre: Erkennen Sie diese wieder? Das verdeutlicht das Grundprinzip, ersetzt aber kein dokumentiertes Prüfverfahren mit unabhängigen Einzelbewertungen. Cigar Aficionado beschreibt ein Panel aus Redaktionsmitgliedern, die zunächst unabhängig voneinander bewerten. Maßgeblich für die Einordnung ist das veröffentlichte Prüfverfahren, nicht eine behauptete Mindestzahl gerauchter Zigarren. So verwundert es nicht, dass ihren Bewertungen in der Fachwelt der Zigarren eine enorme Bedeutung zugewiesen wird.
Zuerst prüfen, was überhaupt bewertet wurde
Ein Rating gehört zu einem bestimmten Produkt. Markenname allein, ein ähnlicher Ring oder dieselbe Serienfarbe reichen für die Zuordnung nicht aus. Format, Variante und Veröffentlichungsdatum sollten mitgelesen werden.
Das ist bei langlebigen Serien besonders wichtig. Eine ältere Bewertung kann interessante Eindrücke dokumentieren, beschreibt aber zunächst die damals geprüften Exemplare. Sie ist kein Nachweis dafür, dass jede später verkaufte Zigarre genau denselben Eindruck vermittelt.
Ein Vergleich beginnt deshalb nicht mit der höchsten Zahl, sondern mit der Frage, ob wirklich dieselbe Ausführung gemeint ist. Die Formatübersicht hilft, Größenbezeichnungen auseinanderzuhalten.
Was eine Blindverkostung verändern kann
Nach eigener Beschreibung entfernt Cigar Aficionado die identifizierenden Binden, vergibt neutrale Codes und lässt die Mitglieder des Panels unabhängig bewerten. Die verdeckte Zuordnung soll verhindern, dass bekannte Namen oder Preise das Urteil unmittelbar lenken.
Das Verfahren macht einen Geschmackseindruck jedoch nicht zu einer objektiven Messgröße. Form und Größe bleiben sichtbar, persönliche Wahrnehmung bleibt beteiligt. Ein transparenter Ablauf verringert bestimmte Einflüsse; er beseitigt nicht jede Unsicherheit.
Daher ist die Beschreibung der Methode genauso wichtig wie das Ergebnis. Auch die Zahl der geprüften Exemplare und die Frage nach wiederholten Bewertungen können für die Einordnung relevant sein, soweit der Herausgeber sie offenlegt.
Eine Vorlage für aussagekräftige Tasting-Notizen
Für persönliche Notizen ist keine komplizierte Punkteskala erforderlich. Ein klares Raster kann bereits zeigen, worauf sich ein Eindruck bezieht. Die folgenden Felder sind ein redaktioneller Vorschlag, nicht das offizielle Formular eines Magazins.
| Feld | Was sich sinnvoll notieren lässt |
|---|---|
| Produkt | Vollständiger Name, Serie und Format |
| Ausgangszustand | Sichtbare Beschädigungen oder Besonderheiten |
| Zug | Persönlich wahrgenommener Widerstand |
| Abbrand | Verlauf und gegebenenfalls vorgenommene Korrekturen |
| Aroma | Eigene Assoziationen, ohne sie als Zutatenliste auszugeben |
| Einordnung | Was gefallen hat und was nicht zum eigenen Geschmack passte |
„Erinnert an Nuss“ bedeutet beispielsweise nicht, dass Nüsse zugesetzt wurden. Ebenso sollte eine fremde Herstellerbeschreibung nicht als eigene Wahrnehmung abgeschrieben werden. Die Trennung macht auch kurze Notizen glaubwürdiger.
Punkte lesen, ohne Unterschiede zu überdeuten
Eine Differenz von wenigen Punkten kann im System eines Magazins eine Rolle spielen. Für die eigene Entscheidung ist sie aber nicht automatisch wichtiger als die beschriebene Aromarichtung oder das Format. Zahlen aus unterschiedlichen Bewertungssystemen sollten erst recht nicht wie identische Messwerte behandelt werden.
Hilfreich ist es, die Begründung neben der Zahl zu lesen. Eine präzise beschriebene Eigenschaft bietet mehr Orientierung als ein allein stehendes Superlativ. Der Beitrag über die Beurteilung einer guten Zigarre ergänzt die Unterscheidung zwischen Zustand, Verarbeitung und persönlicher Passung.
Dieser Überblick vergibt selbst keine neuen Ratings. Er soll vorhandene Bewertungen verständlicher machen und ihre Aussage auf das beschränken, was tatsächlich beobachtet und beschrieben wurde.